Events · 22.03.2011
f·LUX: Trendtag Fotografie 2011 -Was bewegt das Bild?
Wer Trends setzen will, muss immer auf der Suche nach Neuem sein – und darf dabei den Blick aufs Gestern und Heute nicht außer Acht lassen. Wo also stehen wir in der Fotografie, was hat sich getan, und wo geht’s hin? Der erste Trendtag rund um das Thema Bild schafft Überblick über aktuelle Strömungen, identifiziert Spannungsfelder und wagt Zukunftsprognosen.
München, 19. März 2011 – Mit diesen Worten beschreibt der Veranstalter, die Typographische Gesellschaft München e.V., den Inhalt des ersten Trendtages der Fotografie 2011.
Zahlreiche Referenten erläuterten ihre Ansichten und Erfahrungen zu diesem Thema in mehreren Blöcken. Boris Kochan eröffnete und moderierte das Programm.
Trends der Fotografie
Martin Summ erörterte die Bildsprachen-Trends im Corporate Design. Marken rücken näher zum Kunden, sprechen diesen direkt mit Informationen an und suggerieren eine freundschaftliche Beziehung. (siehe Facebook „gefällt mir“-Button, Fanseiten für Produkte und Marken.)
Die Fotografie tendiert dabei in zwei Richtungen. Zum einen versucht sie eine möglichst authentische Darstellung von Situationen zu erreichen und zum anderen strebt sie eine möglichst hochwertige Inszenierung der Fotos an. „Das Bild als Kunst“.
Eberhard Wolf zum Thema Bildsprachen-Trends im Editorial Design
Der Trend geht unter anderem in Richtung „Mut zur Unschärfe und Bewegungsästhetik“. Als Problem sieht Eberhard Wolf, dass es hier immer noch zu viele nicht authentische Fotos gibt. (Reporter im Fotografenpulk fotografieren z.B. gestellte Aufnahmen; Zeitdruck als Problem; Redakteure sind oft nicht vom Fach, Bilder in denen das Motiv mittig platziert ist).
Wolfs persönliches Statement: „Fotografie im journalistischen Bereich ist an Prozessen teilzunehmen. Gute Fotografie braucht keinen Effekt, sondern Kreativität.“
„The Image Fulgator“
Einen erheiternden Beitrag, der viele Fotografen zum Nachdenken über den Wahrheitsgehalt von Bildern brachte, gab es von Julius von Bismark mit seinem „Image Fulgator“.
Von Bismark sieht die Fotografie als gefährliche Waffe (Türöffner in die Gehirne) und hat eine Gegenwaffe („Rückwärtskamera“) geschaffen. Julius blitzt damit synchron zu den Blitzen der Reporter Bilder in die Motive und verändert damit die Fotos der Fotografierenden mit seiner eigenen Aussage (z. B. 0²-Logo auf Sakko von Klaus Wowereit, Friedenstaube im „Mao-Portrait“ in Peking).
Photography is the absolute medium of the day
Der Magnum Fotograf Martin Parr referierte über seine Arbeiten seit den 70ern und zeigte Ausschnitte aus seinem Portfolio. Parr meinte: „Es ist möglich, interessante Fotos an langweiligen Orten zu machen“, was er eindrucksvoll mit Beispielen aus seinen zahlreichen veröffentlichten Büchern bewies. („Bad Weather“, „Bored Couples“, „The cost of living“, „Small world“ uvm...)
Wenn die Bilder ins Herz laufen
Michael Kosakowski präsentierte den beeindruckenden Film „Just like the movies“ zum Thema 11/09. „Footage Szenen“, die wir aus 51 bekannten Kinofilmen (entstanden vor dem 11. September 01) kennen (in denen sie uns kaum beeindruckten), wurden von Kosakowski zu diesem aufrüttelnden Kurzfilm verarbeitet. Dabei schockiert uns die Tatsache, dass diese Szenen plötzlich real sind. Interessant ist es zu erwähnen, dass die Einstellungen bei den Berichterstattungen zum Anschlag 11/09 aus den gleichen Perspektiven wie bei den Katastrophenfilmen gewählt wurden.
Kosakowski dazu: „Bilder aus den Fantasiefilmen wurden durch realpolitische Bilder ersetzt.“
Ein weiteres Projekt von Kosakowski ist der Film „Zero killed“, der nächstes Jahr ins Kino kommt. Er präsentierte dazu einen Trailer in dem Gewaltszenen mit den eigenen Phantasien von Laiendarstellern gedreht wurden. Nach 10 Jahren wurden diese befragt, wie sie dazu stehen. Dann wurde der Film zusammengeschnitten.
„Skia und die magische Dichte 3.0“
Horst Moser erklärte die Skia-Fotografie und die Bedeutung von der „Dichte 3.0“. Mit Skia Photography hat Dieter Kirchner ein Verfahren entwickelt, das uns ermöglicht, in einer höheren Qualität Photographie zu drucken, als es bei einem Handabzug je möglich war. Tiefe, Bildsättigung und Räumlichkeit übertreffen alles bisher Gesehene. Das Verfahren erreicht einen Bildumfang, der an der Wahrnehmungsgrenze des Sehens liegt. Als Fine Art Print-Verfahren eignet es sich für Ausstellungsprints und limitierte Editionen in Schwarz-weiss und Farbe.
In einer der Veranstaltung angeschlossenen Ausstellung wurde das Verfahren anhand von Fotodrucken und dem Buch „Ruhrgebiet Mack“ vorgestellt.
Footage, oder wenn Bilder anders laufen
Marie David de Lossy und Ghislain David de Lossy berichten über ihre Erfahrungen mit der Stock-Photography. Die Beiden sind Fotografen und Naturliebhaber die in den 70ern mit verschiedenen europäischen Jagd- und Naturmagazinen zusammengearbeitet haben. In den frühen 80ern starten sie auch eine Karriere als Mode- und Werbefotografen. Inspiriert von neuen Horizonten unterzeichneten sie 1988 einen Vertrag mit „The Image-Bank“ (seit diese von Getty-Images übernommen wurde) und wurden deren führende Fotografen.
Einige Zitate aus dem Vortrag von Marie und Ghislain:
„Ein gutes Konzept passt in viele Anwendungen.“
„Inspirationen sind rund um uns, jede Einzigartigkeit ist förderlich.“
„Eine gute Idee, ein gutes Storyboard, gute Modelle und ein gutes Budget sind Voraussetzung für erfolgreiche Stock-Photos und Stock-Filme.“
„Wenn du noch heute in der Stock-Fotografie starten willst, dann musst du einfach besser sein.“
Vom Reiz und vom Wert nachweisbar guter Bilder
Benjamin Benser, Creative Director, Commercial Photography bei Corbis, referierte über die Stock-Fotografie aus der Sicht von . Als er von Anwesenden auf den Preisdruck angesprochen wurde, der den Fotografen durch Stock-Bilder entsteht, bestätigte er dass „Micro-Stock-Bilder“ der größte Feind des Preisgefüges in der Fotografie sind. Corbis sei aber sehr bemüht, hochqualitative Bilder zu einem entsprechenden Preis anzubieten. Zitat Benser: “Jedes Bild hat einen Produktionswert, welcher durch Modelle, Aufwand und Nachbearbeitung entsteht.“ Ebenso meinte er:“Je banaler aber ein Bild zu reproduzieren ist, desto schwerer ist es, dafür einen guten Preis zu erzielen.“
Auf die Frage, was ein Fotograf tun könne, um in der Stock-Fotografie erfolgreich zu sein antwortete Benser: “Kommerzielle Relevanz und Authenzität ist wichtig für den Verkauf von Bildern. Der Fotograf kann Werte durch Perspektiven generieren. Straßensituationen sind oft gefragt, da diese sehr häufig von z.B. der Versicherungsindustrie verwendet werden.“
Qualität braucht ihren Preis.
Is photography valued or de-valued in the digital age?
Anthony Harris, Gründungsmitglied und CEO der „Cultura Creative Ltd“, sprach über die Geschichte der Fotografie und die „digitale Revolution“. Mit der Erfindung der „Kodak Brownie“ (You press the button and we do the rest.) wurde der Ruf laut, dass dies das Ende der Fotografie wäre. Die selbe Aussage hörte man bei der Einführung der digitalen Fotografie ebenso wie beim Start ins „Smartphonezeitalter“. Neue Medien (Flickr, Facebook, usw...) eröffnen uns beinahe grenzenlosen Zugriff auf Bilder aller Art. Durch gezieltes „keywording“ wird die Suche nach Bildern vereinfacht.
Content is King – but Distribution is King Kong
Democracy and Authenticity; trends in commercial photography
Andrew Saunders, Vizepräsident von Getty Images, entwickelt Trends in der kommerziellen Fotografie. In seinem Vortrag unterstrich er noch einmal die wichtigsten Punkte für gute Stock-Bilder und ging näher auf iStockphoto® ein. iStockphoto kauft Bilder von Flickr und vertreibt diese über die eigene Agentur. Als interessanten Aspekt hob Saunders hervor, dass 90% der verwendeten Flickr-Images ohne kommerzielle Hintergedanken entstanden sind.
Im Anschluss an die vorangegangenen Vorträge führte die Fotografin Heike Rost durch eine Podiumsdiskussion mit den Vertretern der Bildagenturen. Kurzer Tenor zu den Aussagen: Bei der ganzen Flut an Bildern liegt die Chance der professionellen Fotografen darin, IHR Können zu zeigen. Der Bedarf an Images wird noch steigen, da Märkte wie China immer mehr Content benötigen.
Wenn Roboter auf den Auslöser drücken
Thomas Krull, Leiter der Otto-Fotostudios in Hamburg, erzählte ausführlich über das Otto-Fotostudio und die Produktion von etwa 30.000 Bildern/Jahr (Legeware, Produkte, Modeaufnahmen,...). Für Matrix-Movies sind 18 Kameras auf einem Ring montiert und werden synchron ausgelöst. Dadurch wird eine 3D-Ansicht erreicht und die Mode sowie Produkte bestmöglich präsentiert. Modeaufnahmen werden im Studio produziert und die passenden Hintergründe extra an den Lokations fotografiert.
Beim Produktionsablauf wird jede Ware mit einem Barcode versehen und nach einem genauen Konzept gesteuert. (z.B. Ansichten, Legeware, Stoffmuster, Video,...) Filme werden zusammengebaut aus Panorama-Landschaftsbildern und Studioaufnahmen mit Models auf dem Laufband oder Trampolin.
Verschmelzung von Fotografie und Bewegtbild
Uwe Böhm, Fotograf, macht seit Februar 2010 neben der Fotografie auch Filme mit seiner Kamera. Er hat sich schon immer auch für Film interessiert und nebenbei mit Videokameras gefilmt, war aber mit der Qualität nie zufrieden. Mit der neuen Canon 5D Mark II filmte er bei einem Diesel-Layout-shot und ließ den Film von einer Cutterin schneiden.
Seither setzt er diese Technik bei den meisten seiner Produktionen ein. Seine Kunden wünschen oft höhere Auflösungen bei den Fotos, weshalb Böhm in solchen Fällen eine digitale Hasselblad verwendet.
Wenn der Kameramann auch die Fotos macht
Tom Fährmann, mehrfach ausgezeichneter Kameramann, berichtete vom Filmemachen. Dabei geht er näher auf die Planung, Abläufe und Koordination beim Dreh ein. Fährmann fotografiert auch neben seiner Filmproduktion. Bücher wie „Beyond the Image“, „Stand der Dinge“ sowie zahlreiche Ausstellungen zeigen sein photographisches Engagement.
Photography Public and Private
Erik Kessels ist Co Gründer und Kreativdirektor der Kommunikationsagentur KesselsKramer. Die Firma entwickelt neue Wege um für Marken Geschichten zu erzählen. Sie nutzen dabei jene Medien, die am relevantesten für die Message sind. Zu KesselsKramers Kunden zählen Firmen wie Diesel, Absolut Vodka, J&B Wiskey, Vitra, Ben und das „Hans Brinker Budget Hotel“.
Es war ein ziemlich umfangreiches Event in der „Halle 27“, welches vom Veranstalter tgm durch Gesprächspausen und Schmankerln aus der Küche angenehm aufgelockert wurde. Bei der breiten Themenpalette des Tages war für jeden der rund 200 Teilnehmer etwas passendes dabei.
Über den Veranstalter
In der Typographischen Gesellschaft München e.V. (tgm) versammeln sich Grafiker und Drucker, Setzer und Fotografen, Lektoren und Hersteller, Journalisten und Lithografen, Texter und Kundenberater … alle, die Interesse an Schrift und ihrer hervorragenden Anwendung haben. Die tgm steht für Qualität und Bildung in der Kommunikationsbranche!
Mehr Infos unter www.f-lux.com.
Fotocredits: Gerhard Hintringer
www.artemaxx.at
Redaktion und Aussender:
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Edith Brötzner, Gerhard Hintringer























